Was ist Gewalt in der Geburtshilfe?

Gewalt während der Geburt kann viele Gesichter haben. Manche offensichtlich erkennbar, manche subtil und für nicht Betroffene schwer zu verstehen.

In manchen Fällen kann auch eine medizinisch notwendige Intervention von der werdenden Mutter als gewaltvoll und/oder traumatisch erlebt werden, auch wenn sie in diesem Augenblick unumgänglich und vielleicht sogar lebensrettend ist. Hier ist eine umsichtige Betreuung in Form einer Nachbesprechung durch das behandelnde Personal nötig, um die Situation aufzuklären und psychische Folgen für die Mutter und ihre Familie zu minimieren. 

An dieser Stelle wollen wir einen Überblick über verschiedene Gewaltformen geben, die in der Geburtshilfe vorkommen können. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und schließt akute Notfallmaßnahmen explizit aus. Nicht jede Maßnahme oder Handlung muss von jedem persönlich als gewaltvoll empfunden werden - sie haben aber grundsätzlich das Potenzial, von gebärenden Frauen als übergriffig, grenzüberschreitend oder gewaltvoll erlebt zu werden und sind auch nach objektiven Gesichtspunkten bei fehlendem Konsens als Gewalthandlungen zu definieren.


Interventionen ohne Absprache (akute Notfälle ausgenommen), z.B.:

  • Wehentropf
  • Kristellern
  • Medikamentengaben (z.B. Schmerzmittel, Antibiose,...)
  • Vaginale Untersuchungen
  • Eröffnung d. Fruchtblase
  • Eipollösung
  • Einsatz von Geburtszange / Saugglocke
  • Dammschnitt
  • Kaiserschnitt
  • Ultraschall
  • Injektionen
  • Sedierung
  • Fixierung der Frau
  • Äußere / innere Wendung des Kindes
  • Entkleiden der Gebärenden

Erzwungene Maßnahmen (akute Notfälle ausgenommen), z.B.:

  • Rückenlage / unangenehme Gebärposition ohne Indikation
  • Schmerzmittelgabe
  • Einleitung im gesunden Geburtszeitraum ohne medizinische Gründe
  • Still liegen
  • Einlauf
  • CTG
  • PDA
  • Kaiserschnitt
  • Stillen / Zufüttern

Verweigerte Maßnahmen / Unterstützung ohne medizinische Indikation, z.B.:

  • Essen / Trinken
  • Schmerzmittel
  • PDA
  • Kaiserschnitt
  • Einlauf
  • Toilettengang
  • Hinzuziehen eines Arztes / 2. Meinung
  • Verweigerung medizinischer Hilfe (allg.)
  • Positionswechsel unterbinden / Bewegungsfreiheit einschränken
  • Keine Hilfe beim Aussteigen aus der Geburtswanne
  • Stillen / Zufüttern

Präventive Maßnahmen ohne medizinische Indikation, z.B.:

  • Flüssigkeitsgabe über Infusion statt Trinken
  • Dauer-CTG
  • Dammschnitt

Unsachgemäße / gewaltvolle medizinische Behandlung, z.B.:

  • Muttermund-Dehnung
  • Kristellern mit Ellenbogen, Unterarm, ganzem Körpergewicht, Bettlaken
  • Grobes Hochlagern der Beine in Rückenlage
  • Nicht wehensynchrone Verwendung von Saugglocke oder Zange
  • Zu hohe Dosierung v. wehenfördernden Medikamenten (Cytotec, Oxytocin,..)
  • Ziehen an der Nabelschnur / Herausreißen der Plazenta
  • Kaiserschnitt trotz mangelhafter Betäubung beginnen / fortsetzen
  • Grobe vaginale Untersuchungen
  • Vaginale Untersuchungen während einer aktiven Wehe
  • Unnötig grobes Legen von Zugängen / Kathetern
  • Manuelle Einleitung (Ballonkatheter) bei komplett geschlossenem Muttermund
  • Anleitung zum Power-Pressen (zwischen den Wehen)
  • Entlassung von Mutter und Kind trotz bestehender gesundheitlicher Probleme
  • Unterlassen von Akutmaßnahmen (z.B. bei Blutungen, Wehensturm, Atemnot durch aufsteigende PDA, Ohnmacht,…)
  • Vorgetäuschte Medikamentengaben (z.B. Kochsalzlösung statt Schmerzmittel)
  • Nähen ohne Betäubung
  • Unsauberes Vernähen von Geburtsverletzungen bzw. Kaiserschnitt-Wunde
  • Husband Stitch (zu enges Vernähen von Dammrissen/-schnitten)
  • vorzeitiges Abnabeln nach weniger als 1-3 Minuten*

Psychische Gewalt auf persönlicher Ebene, z.B.:

  • Nicht ernst nehmen
  • Anschreien
  • Mütterliche Eignung in Frage stellen
  • Herablassende Kommentare
  • Schuldzuweisungen an die werdende Mutter
  • Angst machen / Risiken übertreiben
  • (Zeit-) Druck machen
  • Lächerlich machen / bloßstellen
  • Allein lassen
  • Kommunikation verweigern
  • Beleidigungen
  • Infantilisierung / von oben herab behandeln
  • unsensibler, pietätloser Umgang bei stillen Geburten
  • Frau in Blut / Exkrementen liegen lassen
  • Absprechen der Gebärfähigkeit
  • Die Gebärende auffordern, leise zu sein / nicht zu schreien oder laut zu tönen
  • Türen offen lassen / die Gebärende entblößt bei offener Tür liegen lassen
  • Androhung von Kindesentzug / Einschaltung des Jugendamtes
  • Lüften verweigern (insb. im Sommer / bei Hitze)
  • Unnötig langes Lüften / Kälte im Kreißsaal

Psychische Gewalt auf fachlicher Ebene, z.B.:

  • Absprechen von Wehen
  • Absprechen von Schmerzen (u.a. in Bezug auf unzureichende Betäubung)
  • Trennung von Mutter und Kind ohne medizinische Gründe
  • Verweigerung von Bonding ohne medizinische Dringlichkeit
  • Erzwingen von Maßnahmen
  • Androhung von Kaiserschnitt / Sedierung
  • Unbeteiligte unangekündigt in den Kreißsaal lassen
  • Die Geburt ohne Absprache für Unterricht nutzen (Hebammen- / Medizinstudenten)
  • Partner / Begleitpersonen zur Mittäterschaft (z.B. festhalten) auffordern
  • Verweigerung einer Begleitperson
  • Verweigerung der Geburtswanne ohne medizinischen Grund
  • Eltern erhalten keine Informationen über den Zustand des Kindes
  • Lügen über den Zustand des Kindes, um medizinische Maßnahmen zu erzwingen
  • Verlegung des Kindes ohne Wissen der Eltern
  • Zwang zum Tragen von OP-Hemdchen im Kreißsaal
  • Vorwurf mangelnder Mitarbeit der Mutter
  • Bewusste Falsch-Dokumentation über den psychischen Zustand der Mutter („Hysterie“, „unkooperativ“)
  • Zwang zum Tragen von Mundschutz unter Wehen
  • Verweigerte Maßnahmen / Unterstützung ohne medizinische Indikation (s.o.)

Körperliche Gewalt, z.B.:

  • Festhalten
  • Fixieren der Beine
  • Ohrfeigen / Schlagen
  • Kneifen
  • Interventionen ohne Absprache (akute Notfälle ausgenommen, siehe oben)
  • Erzwungene Maßnahmen (akute Notfälle ausgenommen, siehe oben)
  • Unsachgemäße / gewaltvolle medizinische Behandlung (siehe oben)

Verletzung v. Patientenrechten (akute Notfälle ausgenommen), z.B.:

  • Maßnahmen ohne Aufklärung
  • (nicht notfällige) Maßnahmen gegen den Willen der Mutter
  • Nicht indizierte medizinische Maßnahmen jeder Art
  • Verletzung der Absprachen aus dem Geburtsplanungsgespräch
  • Alternativen verschweigen
  • Risiken falsch darstellen / übertreiben
  • Vorenthalten von Befunden oder Diagnosen
  • Interventionen ohne Absprache (akute Notfälle ausgenommen, siehe oben)
  • Erzwungene Maßnahmen (akute Notfälle ausgenommen, siehe oben)
  • Unsachgemäße / gewaltvolle medizinische Behandlung (siehe oben)

Du hast andere Formen von Gewalt erlebt, die hier nicht erwähnt wurden? Schreib uns gern eine Email an info@rosesrevolutiondeutschland.de.

* laut Empfehlung der WHO von 2008 (Quelle: Dt. Ärzteblatt 2011 "Geburtshilfe - Nabelschnur sollte nicht zu rasch durchtrennt werden" )

 
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