Rose #71/2022


Bei mir ist in der 36. Woche an einem Montag Abend die Fruchtblase geplatzt. Bis dahin war alles gut und auch noch, als ich dann voller Vorfreude in die Klinik fuhr. Ich habe mich so unglaublich gefreut, bald endlich meine kleine Tochter zu sehen…
Wir fuhren also nach M. in die Uniklinik, wo der erste Rückschlag war, dass mein Freund nicht bei mir bleiben durfte, nicht mal im Wartezimmer. Das schien aber nur bei mir so gewesen zu sein, denn alle anderen Schwangeren hatten ihre Männer dabei.
Ich wurde dann untersucht und mir wurde gesagt, dass es wichtig sei, die Geburt „hinaus zu zögern“, damit meine Tochter kein Frühchen wird. Nach ewigen Wartezeiten kam ich dann um halb drei Nachts in mein Bett. Nichts zu trinken, nichts zu essen und mein Freund zu Hause, krank vor Aufregung.

Am nächsten Tag setzten die Wehen ein. Ich hatte furchtbare Schmerzen, genau so, wie sie mir meine Hebamme beschrieben hatte. Leider glaubte mir das niemand. In den Kreissaal musste ich mich ohne Begleitung selbst irgendwie schleppen. Die absolute Qual. Mehrmals in diesen Tagen, weil nie jemand dabei war. Das CTG wurde jedes Mal von einer Praktikantin gemacht, die mich dann mit meiner Angst und meinen Schmerzen alleine lies. Stundenlang. Auf mein Klingeln wurde erst nach mehrmaligem Wiederholen und sehr unfreundlich reagiert.
Ich wurde dann jedes Mal wieder alleine auf die Station geschickt, immer mit der Aussage, diese Schmerzen und Krämpfe seien keine Wehen.
Ich hatte seit mehr als 24 Stunden nichts gegessen oder getrunken. Im Juni. Bei über 35 Grad. Mein Freund durfte immer noch nicht kommen. Nur tagsüber eine halbe Stunde. Das war Dienstag. Nachts wieder keine Schmerzmittel, kein Essen.

Mittwochs verschlimmerten sich die Schmerzen so sehr, dass doch endlich mal keine Praktikantin, sondern eine Ärztin das CTG machte und mich wieder stundenlang alleine lies. Ich hatte blutigen Ausfluss und Eiweißflöckchen im Urin, immer noch nichts gegessen. Essen ging dann irgendwann auf Grund der Schmerzen nicht mehr.
Abends durfte dann endlich mein Freund kommen und mit mir in den Kreissaal. Ich konnte vor Schmerzen nicht mehr liegen, nicht mehr Stehen, nicht mehr laufen. Und wurde dann wieder auf mein Zimmer geschickt „falls es doch noch los geht, soll ich mich melden“…. Mein Freund musste im Auto warten und ich den Weg ins Zimmer wieder alleine gehen.
Ich klingelte dann im Minutentakt, bis ich endlich wieder in den Kreissaal durfte. Ich durfte meinen Freund anrufen, der dann zu mir durfte. Endlich bekam ich Schmerzmittel. Opiate. Auf leeren Magen. Ich habe den Kreissaal vollgekotzt, geheult, geschrien und dann nur noch gewimmert.
Die Hebamme meinte: der Muttermund ist 4 cm geöffnet, 10 brauchen wir, da passiert nichts mehr heute Abend und schickte meinen Freund heim.
Dann verschlechterten sich die Herztöne meines Babys und auch mit mir ging es rasend schnell bergab. Ich bekam eine PDA gelegt, die nicht wirkte. Absolut nicht. Ich bekam Fieber. Mehr Blut im Urin, mehr Eiweißflöckchen.

Zu unserem Glück wurde der Oberarzt auf mich aufmerksam und entschied auf Kaiserschnitt wegen Geburtsstillstand.
Ich versuchte meinen Freund anzurufen, aber da auch er seit mehreren Nächten nicht geschlafen hatte, hörte er das Telefon nicht mehr.
Inzwischen wurden die Herztöne meiner Tochter so schlecht, dass es dann ein Notkaiserschnitt werden musste.
Sie legten mir die Kleine auf die Brust. Sie fand zwar die Brust, aber ich konnte keine Milch geben. Sie nahmen sie mir wieder weg und gaben ihr Milch. Dann die Info, sie könne ihren Zuckerspiegel nicht halten und muss in die angeschlossene Kinderklinik. Dann war sie weg.

Am nächsten Tag hatte niemand Zeit, mich zu ihr zu bringen und da ich meine Beine nicht bewegen konnte, konnte ich nicht mal mit dem Rollstuhl zu ihr. Mein Freund durfte erst ab 13 Uhr kommen. Wir fanden unsere Tochter dann im Aufenthaltsraum der Kinderkrebsstation. Mutterseelenalleine. Auf jemanden, der uns darüber Auskunft gab, wie es ihr geht, mussten wir wieder ewig warten und da die Besuchszeit abgelaufen war, konnten wir sie beide nur kurz in die Arme schließen. Freitag das selbe Spiel. Kaum Auskunft und mein Baby ganz alleine in diesem Aufenthaltsraum.
Abends brachten sie sie mir dann. Inzwischen hatte ich eine Milchdrüsenentzündung, weil die Hebammen der Klinik nicht akzeptieren wollten, dass ich auf Grund der Umstände nicht stillen kann. Es war nicht mehr mein Körper und ich hasste die Milch, die ich meiner Tochter nicht geben konnte. Flasche geben hat nicht funktioniert. Mein erstes Kind. Die Hebamme riss mir das Baby aus der Hand, rammte ihr die Flasche in den Hals und fragte mich, was für ein Problem ich habe. Ich hätte doch zwei Brüste. 

Gottseidank durften meine kleine und ich am nächsten Tag nach Hause.
Es geht uns gut, aber ich habe bald Termine beim Therapeuten.

Diese eine Woche in der Klinik hat mich die schönste Zeit meines Lebens gekostet, die ersten Minuten mit meiner Tochter. Ich konnte auch zu Hause wochenlang aus Angst nicht mal mit meiner Kleinen zusammen schlafen. Ich habe sie immer auf meiner Brust gehabt und Angst davor gehabt, dass sie mir wieder jemand weg nimmt.
Ich konnte auch danach nicht stillen. Ich konnte das gesamte Wochenbett nicht genießen. Ich war psychisch am Ende. Diese Klinik raubt einem innerhalb von Tagen das gesamte Selbstwertgefühl.

Ich hoffe, der Therapeut kann uns helfen…

 
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