Rose #76/2022

Art 1
(1)Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.


Sehr geehrtes Kreißsaalteam,
ich schreibe Ihnen heute, am Roses Revolution Day, der Tag, an dem Frauen für eine gewaltfreie Geburtshilfe kämpfen und durch das Niederlegen der Rose am Krankenhaus auf sich aufmerksam machen.
Auch ich bin Betroffene.
Im Juli 2021 kam meine Tochter in diesem Krankenhaus zur Welt.
Ich habe mir eine freie, selbstbestimmte und sichere Geburt gewünscht.
Leider war die Geburt alles andere als das. Auf dem Rücken liegend, die Beine festgeschnallt, so gebar ich meine Tochter. Keine Möglichkeit mich zu wehren.
Der Arzt und die Hebamme drückten und zogen das Kind aus mir heraus. Nachdem zweimal der Einsatz der Saugglocke missglückte, eine davon wurde ihr vom Kopf gerissen, wurde zur Zange gegriffen. Während der Arzt von unten zog, lag die Hebamme auf mir und drückte mit dem Kristeller-Griff das Kind aus mir heraus.
Jede Handlung geschah ohne Kommunikation und ohne meine Zustimmung.
„Jede med. Maßnahme bedarf deiner Einwilligung“ BGB §630d
Mein Mann durfte die Nabelschnur nicht durchtrennen, der Wunsch wurde einfach ignoriert. Das Baby wurde bei Seite gelegt. Es lebt ja.
Nach der Geburt fing dann der eigentliche Alptraum an.
Die Plazenta wird eigentlich normal geboren. Sie benötigt dafür Zeit. Hebammen und Gynäkologen sollten dieses Wissen besitzen. Zeit war im Kreißsaal offensichtlich Mangelware. Meinem Körper wurde keine Zeit gelassen, mir wurde die Plazenta entrissen.
Der Arzt drückte mit dem Crede-Griff von oben und die Hebamme zog an der Nabelschnur, sodass sich die Plazenta manuell ablöste. Natürlich war sie nicht vollständig, was der Arzt aber nicht einmal bemerkte. Die Hebamme bemerkte es, als sie mich sauber machen wollte, sie sagte ein „Chef, da stimmt was nicht“ und dann wurde es laut und hektisch. Ohne ein Wort zu uns zu sagen wurde ich ausgeschabt.
Ohne Narkose, ohne wirksame Betäubung.
Ich dachte ich sterbe und schrie um mein Leben.
Als dann meine Geburtsverletzungen genäht werden sollten, sagte man „Naja, dann schauen wir mal, ob wir das da unten wieder einigermaßen so hinbekommen, wie es war“ – Wie geschmacklos.
Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal, welche Verletzungen ich davon getragen hatte.
Auch das Nähen fand ohne wirksame Betäubung statt, als ich wiederholt schrie, dass es weh tut, sagte man mir nur „Ich weiß, dass ist jetzt eben so“.
Doch bevor es überhaupt zum Nähen kam, telefonierte der Arzt seelenruhig mit seiner Frau, welche wissen wollte, wann er denn endlich fertig wäre. Klar, Samstag Abend hat man eben besseres zu tun als im Kreißsaal eine Geburt zu begleiten.
Das Verhalten des Arztes ist für mich auf so vielen Ebenen unverständlich. Respektlos, unfreundlich, grob. Ich habe mich gefühlt wie ein Stück Fleisch beim Schlachter.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Hebamme einschreitet und für mein Recht einsteht, als ich es nicht konnte. Das Recht auf körperliche (und seelische) Unversehrtheit.
Bei der Nachuntersuchung war der Arzt, wenig überraschend, genauso grob und unfreundlich, wie bei der Geburt. Ich soll mich gefälligst in mein Bett legen und ausziehen. Ohne Vorankündigung steckte er mir seine Finger rein.
Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt vergewaltigt zu werden, aber meine Erfahrungen im Krankenhaus kommen dem ganzen vermutlich sehr Nahe.
Über ein Jahr später, vorher hatte ich die mentale Kraft nicht, schrieb ich eine Beschwerde an das Krankenhaus, auf die leider nie eine Reaktion kam.
Mittlerweile weiß ich, dass ich kein Einzelfall bin und dass ich nicht Schuld bin.
Ich habe meine Posttraumatische Belastungsstörung in einer Therapie aufgearbeitet. Ich habe meinen Frieden gefunden, dennoch habe ich für immer die Erinnerung an den schlimmsten Tag in unserem Leben, der eigentlich der schönste Tag sein sollte.

 
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